Hintergründe

SÜDAFRIKA: REGENBOGEN NATION? ODER ZERBROCHENER TRAUM?

(Ein Einblick von Sozialarbeiter und Vulamasango-Gründer Florian Krämer) 

Nach dem Ende der Apartheid und den ersten Demokratischen Wahlen im Jahr 1994, sprach die ganze Welt von der neu gegründeten „Regenbogen Nation“. Südafrika bekam die seltene Chance, eine komplett neue Verfassung zu formulieren, woran die größten und begabtesten Menschenrechtler, Juristen und Verfassungsspezialisten weltweit teilnahmen. Das Ergebnis war eine der modernsten und progressivsten Verfassungen weltweit. Nelson Mandela’s Vision des neuen Südafrikas, in dem die verschiedensten Kulturen, Religionen und Hautfarben friedlich miteinander leben und ihre schwere Vergangenheit durch den positiven Prozess der Wahrheits- und Versöhnungskommission aufarbeiten konnten, wurde weltweit als vorbildlich gepriesen und anerkannt. Mit Hoffnung schaute eine ganze Generation einer positiven Zukunft entgegen!

Ein viertel Jahrhundert und eine ganze Generation später, ist von diesem großen Versprechen kaum mehr etwas zu erkennen. Die „Born-Free-Generation“, die Generation von jungen Menschen, die die Apartheid selber nicht mehr miterlebt haben, die nie für Freiheit und demokratisches Wahlrecht kämpfen mussten, schaut nun reflektierend zurück, und kann nicht mehr wirklich erkennen, für welche Ideale ihre Eltern und Großeltern eigentlich gekämpft haben. Schaut man heute auf Südafrika, ist von einer Regenbogennation nicht mehr viel zu erkennen. Die Bevölkerung ist gespaltener als je zuvor. Die Weltbank spricht davon, dass es kein Land auf der Welt gibt, in dem der Reichtum so ungleich verteilt ist, wie in Südafrika. Statistiken besagen, dass seit Ende der Apartheid die weiße Bevölkerung auf der einen Seite ihr Einkommen um 40% erhöht hat, und auf der anderen Seite das Einkommen der schwarzen Bevölkerung um 1,9% gesunken ist. In der gleichen Zeitspanne hat sich die Anzahl der illegalen Blechhütten-Siedlungen in Südafrika verzehnfacht. 2013 verkündete der damalige Gesundheitsminister Motsoaledi, dass erschreckende 28% aller Schülerinnen in Südafrika HIV-positiv sind. Die Tatsache, dass die HIV-Rate bei den männlichen Schülern der selben Altersgruppe nur bei 4% liegt, weist darauf hin, dass junge Mädchen sich älteren Männern – in Südafrika „Sugar Daddies“ genannt – hingeben müssen, um sich durch die Schulzeit zu schlagen und die bittere Armut zu überwinden, der sie schon in jungem Alter ausgesetzt sind! Laut des Gesundheitsministeriums wurden 2011 erschreckende 94.000 Schulmädchen schwanger, manche schon im Alter von 10 Jahren. Weitere 77.000 hätten abgetrieben, laut der selben Statistik. 

Zusätzlich zu der weit verbreiteten Armut sind in Südafrika inzwischen über 6 Millionen Menschen HIV-infiziert – mehr, als in jedem anderen Land der Welt! 2011 starben laut Gesundheitsministerium 260.000 Menschen an der Immunschwäche Krankheit – sprich ein neues Todesopfer alle 2, und ein neues Waisenkind alle 4 Minuten! In der Liste der weltweiten Lebenserwartung liegt Südafrika laut der UN mit 57,1 Jahren von 201 registrierten Ländern auf einem schockierenden Platz 186, mit 14,4 Jahren unter dem weltweiten Durchschnitt.

In der 9-jährigen Amtsperiode des letzten Staatspräsidenten, Jacob Zuma, haben von 2009 - 2018 insgesamt 3,5 Millionen Menschen ihre Arbeit verloren – erschreckende 900 Menschen pro Tag! Korruption ist nicht nur in Regierungskreisen weit verbreitet, sondern auch besonders in der Polizei. Fast absurd erscheint es, dass in den letzten 20 Jahren jeder einzelne Polizeichef in Südafrika letztendlich wegen Korruption oder anderem Amtsmissbrauch angeklagt wurde. 2018 wurde der Polizeichef des Westkaps wegen Korruption zu 6 Jahren Haft verurteilt, und 2016 gestand ein Polizeioberst in Kapstadt ein, 2.400 Polizeiwaffen an Gangmitglieder verkauft zu haben. 1.000 Morde und 1.500 versuchte Morde in Kapstadt wurden inzwischen auf eben diese Waffen zurückgeführt. Kein Wunder, dass es 2019 in Kapstadt in den ersten 7 Monaten bereits 1.600 Morde gab. Und verurteilt wird dafür kaum jemand. Die Verurteilungsrate bei Gangmorden liegt bei schockierenden 2%.

Touristen sind von diesen Statistiken natürlich kaum betroffen. Trotz dass Kapstadt in Bezug auf die Mordrate Johannesburg inzwischen weit überholt hat und zu den 20 gefährlichsten Städten der Welt zählt, wird Kapstadt Jahr um Jahr als einer der weltweit beliebtesten Zielorte für Touristen gewählt. Ein Artikel der Bloomberg News 2018 betitelte Kapstadt als „eine der gefährlichsten Städte der Welt außerhalb eines Kriegsgebietes“. Seit 2011 steigt die Mordrate in Südafrika jährlich an. Aber die Gewalt spielt sich hauptsächlich in den Townships ab, diesen endlosen Meeren von Blechhütten und kleinen Häusern weit außerhalb des wunderschönen Zentrums unterhalb des Tafelbergs, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. 

Wo ist also der Traum von der Regenbogennation geblieben? Nach über 20 Jahren aktiver Sozialarbeit in den Townships Südafrikas, kann ich die ganzen negativen Statistiken leider nur bestätigen. Die Frage, ob es denn wenigstens etwas besser wird, muss ich schweren Herzens mit einem klaren „Nein“ beantworten.

Um so wichtiger finde ich es, dass wir erkennen, dass es einen immer dringender werdenden Handlungsbedarf gibt! Man kann von der Regierung nicht erwarten, dass sie alleine mit dieser Krise fertig wird. Besonders nicht, solange Korruption und Ignoranz in politischen Kreisen in Südafrika noch an der Tagesordnung stehen! Es muss eine Initiative von privaten und geschäftlichen Spendern, Sozialarbeitern, Lehrern, Ärzten sowie gemeinnützigen und staatlichen Organisationen geben, um diese gewaltige Problematik anzugehen.

Wir haben daher beschlossen durch die Gründung des Projekts VULAMASANGO – Open Gates im Jahr 2009 unseren Teil zur Verbesserung dieser Situation beizutragen. Und nach 10 Jahren Arbeit sehen wir zwar keine Verbesserung der allgemeinen Zustände um uns herum, aber können große, greifbare und sehr reale Erfolge nachweisen, wie zum Beispiel die Kinder und Jugendlichen, die unsere Programme durchlaufen haben und bei uns großgeworden sind, die inzwischen an Universitäten und Fachhochschulen in ganz Südafrika studieren – zwei bereits im Masterstudiengang Jura und Mathematik. Oder wie der erste Junge, der inzwischen seine Ausbildung in unserer Schreinerei absolviert hat. Oder aber auch diejenigen, die durch die erlebten Traumata während ihrer Kindheit vielleicht nie einen normalen Schulabschluss erreichen werden, aber durch Vulamasango dennoch eine Chance bekommen, wenigstens einen Teil ihrer Kindheit in einem geborgenen, sicheren und liebevollen Umfeld zu verbringen! Wir glauben fest daran, dass wir hier täglich neue Samen sähen, die in der Zukunft Früchte tragen werden. Denn ohne diesen Glauben ist der Traum von der Regenbogennation eben nur ein Traum geblieben, der an der politischen, sozialen und sozioökonomischen Realität in Südafrika zerbrochen ist!

Bitte helfen Sie uns, weiter zu träumen, sodass der Traum der Regenbogen Nation vielleicht doch irgendwann eine Realität für unsere Kinder und Jugendlichen werden kann!

Florian Krämer

(August 2019)

 

 

Zusätzliche Information:

Vulamasango ist nicht mein erstes Projekt. Vor der Gründung von Vulamasango hatte ich bereits ein erstes Projekt in den Townships gegründet. Mehr zu diesem Vorgängerprojekt finden sie hier:

Indawo Yentsikelelo.pdf